Was gibt es Neues?

Das Mädchen mit der Geige

Geige

Foto: K. Lefevre

Wie schwierig es ist, gute Dialoge zu schreiben, können wir jeden Abend leidvoll am Fernseher miterleben. Umso erstaunlicher ist es, wie sicher die Autorin dieses kleinen „Theaterstücks aus 7 Szenen“ die Figuren zum Sprechen bringt, wie sie mit leichter Hand und feiner Beobachtungsgabe ihre Charaktere skizziert, mit prägnanten Regieanweisungen ein Bühnenbild entwirft und wie sie aus ihren Szenen unangestrengt, aber ganz präzise eine Handlungsfolge konstruiert. Das ist handwerklich so gekonnt, dass wir diesen Beitrag mit einem „Sonderpreis für dramatisches Talent“ würdigen möchten.

Lily, das Mädchen mit der Geige, stellt sich mit ihrem Instrument in eine Bahnhofshalle, um öffentlich zu spielen. Der in Aussicht stehende Verdienst ist vielleicht ein Antrieb, vielmehr aber scheint sie sich selbst beweisen zu wollen, dass sie dieser Mutprobe auch standhält. Der Bahnhof wird so zu einem symbolischen Ort: Nicht nur als Durchgangsstation für die vorübergehenden Reisenden, sondern auch als Ort, an dem das Mädchen mit der Geige eine Entwicklung durchläuft, und als ein Ort, an dem sich die Figuren in kurzen zufälligen Begegnungen ganz unverhofft aus den eigenen Rollenklischees befreien, sich gegenseitig wahrnehmen und den Anderen gelten lassen. Im Zusammentreffen mit ganz unterschiedlichen Passanten gelingt es Lily, mit Hilfe der Musik kurze Momente von Menschlichkeit entstehen zu lassen und auch ihre eigenen Ängste und Vorurteile zu überwinden. Da sie intuitiv die richtige musikalische „Ansprache“ für ihre Zuhörer findet, macht sie schließlich eine ähnliche Erfahrung wie Wolfgang Herrndorfs Protagonist Maik aus dem Roman „Tschick“: Die Menschen sind gar nicht so schlecht, wie man gemeinhin denkt, zumindest nicht alle.

 

Gratulation an Marieke für ein eindrückliches Theaterstück!

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Das Mädchen mit der Geige (Textauszug)

 

Szene 5

Lily spielt das Thema von Hedwig aus „Harry Potter“.

Mehrere Mädchen, ca. 14 Jahre als, kommen angerannt und machen überall mit ihren Handys Fotos und Selfies. Dabei kichern sie und machen Grimassen.

 

Lucy: Hey, kommt, Mädels. Jetzt strecken wir mal die Zunge raus.

Emma und Lea kommen dazu und strecken die Zungen raus und machen Selfies.

Emma:   Wow, guck mal, da ist ja ein Mädchen, das sogar Geige spielt.

Lea:    Harry Potter ist voll cool.

Emma:  Ob man sich da auch was wünschen kann?

Lucy: „Yesterday“ wär voll krass!

Lea und Emma: Oh yeah, „Yesterday“!

Die Mädchen gehen auf Lily zu. Lily ist gerade mit Harry Potter fertig geworden und sieht hoch.

Emma: Können wir uns bitte ein Lied wünschen?

Lily:     Ja, wieso nicht? Was denn?

Lea:    Wenn’s möglich wäre, vielleicht „Yesterday“ von den Beatles.

Lucy:  Die finden wir nämlich suuuuper.

Lily:     Ah, das Stück kenne ich auch. Das mag mein Papa so gern, und ich auch. Das kann ich sogar auswendig.

Alle drei:    Jaaa!

Lily nimmt die Geige und fängt lächelnd und fröhlich an zu spielen.

Plötzlich hört man lautes Grölen. Es wird immer lauter. Man sieht dieselbe Jungstruppe wie in Szene 3 die Rolltreppe hinunterfahren. Sie haben eine Musikbox dabei und rappen dazu. Es hört sich nicht passend zur Musik an.