Was gibt es Neues?

Er und Sie

düster

Foto: K. Lefevre

Man sagt immer, dass Menschen kommen und gehen. Aber, ob man möchte, dass Menschen kommen und gehen, wird man nie gefragt.

Ich wurde auch nicht gefragt. Er ist einfach in mein Leben getreten. Eines Tages war er einfach da. Er wollte immer, dass ich mich ihm unterordne. Er verfolgte mich, er war überall. Ich war nie alleine. Er war für mich da, wann ich ihn auch brauchte. Er hörte mir immer zu, er ließ mich ausreden.

Ich mochte ihn.

[…]

Zuletzt lehrte er die Wahrheit über Menschen.

Man darf niemanden vertrauen. Menschen sind gemein und hinterhältig. Und gerade, wenn man denkt, dass man ihnen voll und ganz vertrauen kann, fallen sie einem in den Rücken.

Die Lektionen waren alle sinnvoll, ich versucht erst gar nicht, mich gegen sie zu wehren. Denn das würde bedeuten, ihn zu verlieren, und das wollte ich auf keinen Fall riskieren. Meine Welt wurde immer mehr zu einem einheitlichen Grau, und er schien Gefallen an meinem Tränen zu finden. Er drängte mich immer häufiger zum Weinen.

Er sagte mir immer öfter, wie schrecklich ich doch sei.

Er fing an mich zu schlagen.

Dadurch ging es ihm besser, er weinte nicht mehr. Außerdem war er immer noch für mich da, also war es okay, oder?

[…]

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LAUDATIO:

Dieser Text ist eine sehr reflektierte psychologisch-philosophische Auseinandersetzung mit den inneren Anteilen des Menschen, die den Zweifel beherbergen, die verletzlich und angreifbar sind. Der Ich-Erzähler trifft auf einen nicht näher bestimmten „Er“, der einen selbstzerstörerischen Prozess auslöst. Der Leser taucht bei diesem Prozess tief in die Seele oder auch das Innenleben des Ich-Erzählers ein und beobachtet sein Ringen um Selbstbehauptung und Selbstbestimmung. Eine „Sie“ ermöglicht schließlich ein Entkommen aus dieser symbiotischen und gleichzeitig aggressiven Beziehung zwischen Ich und Er.

Die antithetische Setzung dieser beiden im Vagen bleibenden Kontrahenten „Er“ und „Sie“ zeugt von einer durchdachten gestalterischen Komposition des Textes, die sich auch auf stilistischer Ebene wiederfindet. Die parataktischen Satzkonstruktionen verdichten das Geschehen und damit die Intensität des Erlebens, welches wir als Leser mitfühlen können, in das wir buchstäblich hineingezogen werden.

 

Für dieses intensive Leseerlebnis, das berührt und betroffen macht, möchten wir uns bei der Autorin Emily bedanken. Wir gratulieren ihr ganz herzlich und wünschen uns mehr von diesen mutigen Texten, die nichts verschweigen, sondern den Leser in die Tiefen unseres eigenen Menschseins blicken lassen.