Was gibt es Neues?

Aus dem MGM-Schreib!wettbewerb: Sommerferienlektüre

Tee

Foto: www.pixabay.de

Herzlich willkommen.

Ich weiß, dass ich mich eigentlich vorstellen sollte, aber es tut nichts zur Sache, wer ich bin. Wichtig ist nur die Geschichte, die ich Ihnen erzählen möchte. Keine Sorge, es wird nicht allzu lange dauern. Nehmen Sie sich einfach eine Tasse Kaffee, falls Sie eher Teetrinker sind, auch gerne Tee, falls Sie beides nicht mögen, auch gerne ein anderes Getränk Ihrer Wahl. Setzen Sie sich bequem hin und nehmen Sie sich kurz Zeit, meine Geschichte zu lesen. Wenn Sie möchten, können Sie sich auch gerne vorlesen lassen. Und bitte verbrennen Sie sich nicht an Ihrem Getränk, warten Sie noch etwas, bis es abgekühlt ist.

Falls Sie nun keine weiteren Fragen haben, können wir beginnen.

 

Und zwar möchte ich von einem kleinen rosa Haus erzählen. Jetzt werden Sie fragen: „Wie heißt der Ort, wo es steht? Und wie heißt der Besitzer?“ Ich kenne euch Menschen, ihr seid viel zu sehr auf Namen fixiert. Für unsere Geschichte ist das zwar nicht sonderlich wichtig, aber Ihnen zuliebe werde ich die Bewohner Familie Müller nennen und den Ort Mühlhausen.

Entschuldigen Sie, wichtig ist noch, dass wir uns momentan an einem nicht allzu weit zurückliegenden, aber dennoch nicht unwesentlich früheren Punkt in der Vergangenheit befinden.

 

Aber jetzt, endlich, schauen wir uns das Haus an. Es ist klein, etwas windschief, und steht am Rande des kleinen Städtchens Mühlhausen, nicht weit von der Meeresküste entfernt. Um es herum sind fast ausschließlich Felder, auf denen Familie Müller Kartoffeln anbaut, und Weiden, auf denen sie Schafe und Kühe hält.

Sehen Sie, gerade füttert Herr Müller die Hühner vor dem Hühnerstall neben dem Haus, während die Kinder im Garten einen Strauß Tulpen für den Esstisch pflücken. Nach dem Regen, der die letzten Tage angedauert hat, tut es allen wieder gut, an der frischen Luft zu sein. Heute ist nämlich vorzügliches Wetter, sehen Sie es? Den Geruch der Luft, riechen Sie ihn? Diese angenehme Brise, die vom Meer herübergeweht wird?

Aber leider werden wir unterbrochen, denn Frau Müller ruft die Familie ins Haus, das Essen ist fertig.

Apropos, wie sieht es mit Ihrem Kaffee aus? Ist er schon etwas kühler? Falls ja, wäre

nämlich genau jetzt der richtige Zeitpunkt, einen Schluck zu nehmen, damit der Bruch, der nun in unserer Geschichte sein wird, nicht zu abrupt ist. Trinken Sie nur, ich warte.

 

(Pause)

 

So, können wir fortfahren? Ja? Gut. Denn nun, liebe Leserinnen und Leser, wollen wir uns anschauen, was mit dem kleinen rosa Haus bis heute passiert ist. Kommen Sie mit nach Mühlhausen und lassen Sie uns nachsehen.

 

Äußerlich ist das Haus kaum verändert, auch der Garten sieht gleich aus, selbst der Hühnerstall steht noch, auch wenn keine Hühner mehr darin leben. Die Felder ringsum allerdings sind alle verschwunden, stattdessen stehen hier neue Häuser. Mühlhausen ist kein kleines Städtchen mehr, sondern schon eine ordentliche, ausgewachsene Stadt.

Die Bewohner des kleinen Hauses sind natürlich auch nicht mehr dieselben. Statt der kleinen Familie wohnt jetzt nur noch eine ältere Dame, Frau Müller, mit ihren drei Katzen hier. Sie ist stets etwas mürrisch und hasst Veränderungen, vor allem an ihrem so sorgfältig ausgearbeiteten Tagesablauf. Dank ihm kann ich auch ganz genau sagen, was sie gerade tut: Sie frühstückt (ein Mohnbrötchen mit Erdbeermarmelade, wie immer) und liest nebenher die Tageszeitung. Mit einem genervten Schnauben überblättert sie den fünfseitigen Artikel mit der Überschrift „Rettet die Welt, bevor es zu spät ist!“.

Als sie den anschließenden Artikel über die Fridays-For-Future-Bewegung sieht, legt sie wütend die Zeitung weg. So langsam kann sie es nicht mehr hören. Sie ist ohnehin gerade fertig mit dem Essen. Die leere Milchtüte schmeißt sie in den falschen Mülleimer, entweder aus Protest, oder weil es ihr einfach egal ist. Sie steht auf und geht in den Garten, um nach ihren Tulpen zu schauen. Seit Wochen hat es nicht mehr geregnet, also muss sie sie zweimal täglich bewässern. Außerdem sprüht sie auch noch eine ordentliche Portion Dünger über das Beet. Schaden wird es ja nicht, Hauptsache, die Tulpen wachsen, denkt sie.

 

An diesem Punkt werden wir Frau Müller in Ruhe ihre Tulpen gießen lassen und nehmen nochmal einen Schluck Kaffee. Denn, wie Sie es schon kennen, werden wir nun wieder einen kleinen Sprung machen. Diesmal an einen unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft. Denn ich denke, es interessiert uns alle, was aus dem kleinen rosa Haus werden wird, oder? Ich kann es Ihnen zeigen, aber, um Sie vorzuwarnen, schön ist es nicht.

 

Die graue Stadt, die dort unter uns liegt, die gequetschte Ansammlung von akkurat gebauten Hochhäusern, ist tatsächlich Mühlhausen. Ein einziges graues Meer, riesig, bis zum Horizont. Riechen Sie den Gestank der Abgase? Fast das ganze Jahr über hängen graue Wolken über den Straßen, zum Teil Regenwolken, hauptsächlich aber Qualmwolken, die von den riesigen Fabriken am Rande der Stadt stammen.

Schauen wir nun dorthin, wo unser kleines rosa Haus stand. Hier steht kein Haus mehr, hier ist jetzt das Meer. Graues Wasser, soweit das Auge reicht.

Vermutlich fragen Sie sich auch, was aus den Müllers geworden ist. Ich werde es Ihnen zeigen. Dafür müssen Sie mitkommen, weiter ins Zentrum der Stadt, in den fünften Stock eines der vielen Hochhäuser. Wenn man aus den Fenstern der grau möblierten Wohnung schaut, sieht man graue Menschen, die graue Kleidung tragen und mit grauen Regenschirmen in der Hand über die grauen Straßen laufen.

Alles grau.

Haben Sie den kleinen Blumenkasten gesehen. der am Geländer des Balkons hängt? Darin wachsen drei Tulpen. Sie sind grau.

 

Meine lieben Gäste, wie ich schon sagte, diese Zeit liegt in unbestimmter Zukunft. Vielleicht kommt sie in hundert Jahren, vielleicht in fünfhundert, vielleicht gar nicht. Aber tut das etwas zur Sache? Und, wissen Sie was, es liegt an Ihnen. Denken Sie an das kleine rosa Haus. Bitte.

 

Emma

Erzählpreis der Mittelstufe

MGM-Schreib!wettbewerb 2020